Karate

Leere (Kara) Hand (Te), der Begriff erklärt bereits, dass es sich um eine waffenlose Kampfkunst handelt, bei der die verschiedensten Körperteile so trainiert werden, dass es möglich wird, sich wirkungsvoll gegen Angreifer zur Wehr zu setzen.

Beim Üben mit einem Partner wird hingegen Wert darauf gelegt, dass die Gesundheit des anderen nicht gefährdet wird. Die Angriffe sind unmittelbar vor dem Ziel zu stoppen, wozu es der absoluten Kontrolle des Übenden bedarf. Die volle Härte der Techniken wird nur an Schlagpfosten (Makiwara) oder Sandsäcken und dergleichen entfaltet.

Karate Do

Darüber hinaus stellt der Begriff Kara eine Verbindung zum Begriff der Leere (Mu, Nichts) und den gesamten Inhalten und Anliegen des Zen dar. Weglehren (Do) sind gekennzeichnet durch die vier Eckpfeiler: Liebe, Mitgefühl, Freude und Achtsamkeit.

Shotokan

Anfang des 20. Jahrhunderts gründeten verschiedene Karate-Meister entsprechend ihren Ansichten eigene Stilrichtungen. Gichin Funakoshi war immer dagegen, weil er der Auffassung war, dass es nur ein Karate gebe. Doch seine Schüler benannten Funakoshi’s Stil nach dessen Künstlernamen Shoto, Pinienrauschen. Shotokan kann daher etwa mit Ort des Pinienrauschens übersetzt werden. Shotokan nimmt für sich in Anspruch, eine Synthese aus den zwei großen älteren Schulen (Shorin, Shorei), geschaffen zu haben, indem es Kraft und Nachgiebigkeit, Aktivität und Passivität, Angriff und Zurückweichen miteinander verbindet.

Um die Frage zu beantworten, welchen Nutzen Karate bringt, ist ein kurzer Ausflug in die Vergangenheit hilfreich (genaueres möge man in der einschlägigen Literatur mit all ihren Spekulationen und Längen nachlesen).

Ein wichtiges Datum war die japanische Besatzung der Insel Okinawa Anfang des 17. Jahrhunderts, in deren Folge der Besitz von Waffen verboten wurde. Um sich gegen zügellose Gewalttäter zu schützen, bildeten sich Geheimbünde, die im Laufe der Zeit die dortigen Verteidigungstechniken, ein Gemisch aus dem einheimischen Okinawa-Te und dem chinesischen Kempo, weiterentwickelten. Zu dieser Zeit war es dringend erforderlich, seinen Körper enorm abzuhärten und die Arme und Beine zu stahlartigen Waffen auszubilden, da die gegnerischen Samurai Rüstungen trugen, die durchbrochen werden mussten, wollte man den Kampf gewinnen. Im Laufe der Zeit wurden die Übungen zur Erreichung maximaler Schlagkraft immer weiter verbessert, so das der Körper zu einer todbringenden Waffe wurde.

Wenn wir mit einem Feind die Schwerter kreuzen, dürfen wir uns keine Gedanken darüber machen, ob wir stark oder schwach sind. Wir sollten einzig und alleine daran denken, ihn zu verletzen und zu töten.
Miyamoto Musashi, Samurai, 15. Jahrhundert

Das ursprüngliche System, die Verteidigungstechniken weiterzugeben, war die Zusammenstellung in einer Form (Kata), in der die wesentlichen Ansichten eines Meisters in verschlüsselter Form weitergegeben wurden, damit sie von Außenstehenden nicht verstanden werden konnten. Die Anwendungen der einzelnen Sequenzen (Bunkai) bildeten Handlungsmöglichkeiten zur Verteidigung gegen einen oder mehrere Gegner. Ursprünglich waren die Techniken in erster Linier gegen bewaffnete Gegner gedacht. Dies verlangte eine Anpassung der Interpretationen an neue Bedürfnisse im Laufe der Jahrhunderte. Insbesondere die heutige Selbstverteidigung ermöglicht die Anwendung der grundlegenden Handlungsoptionen in Anpassung an verschiedene Situationen und den Körperbau des Kämpfenden. Da man sich die Schwachstellen des Körpers heute (es gibt ja keine Rüstungen mahr) zu Nutze machen kann, ist die enorme Kraft der früheren Kämpfer nicht mehr in dem Maße notwendig, so dass auch „schwächere“ Personen durchaus in der Lage sind, sich mit den passenden Techniken sinnvoll zu verteidigen.

Anfang des 19. Jahrhunderts, die Zeit der Samurai war vorüber, musste man sich nun fragen, warum so hart trainieren, wenn die Bedrohung doch entfallen war. Es fand eine vermehrte Hinwendung zu dem leichteren Shorin-Stil statt, dessen Fokus inzwischen mehr auf die innere Auseinandersetzung gerichtet war. Es war der Kampf im Inneren zur Vervollkommnung der Persönlichkeit. Die Prinzipien der Zen-Meditation wurden adaptiert.
Gichin Funakoshi trug dem Rechnung, als er z.B. die Schriftzeichen für Karate von Kara (chinesische) in Kara (leere) Hand oder die Kata Kwanku, benannt wohl nach einem chinesischen Gesandten auf Okinawa, in Kanku (zum Himmel schauen) änderte.

Den Feind kampflos zu besiegen, das ist die höchste Kunst.
Gichin Funakoshi, 20. Jahrhundert

In den 20er Jahren durfte Gichin Funakoshi eine Demonstration vor dem japanischen Kronprinzen Hirohito halten, der von dieser Kunst des Karate auf Okinawa sehr begeistert war. Wenige Jahre später gründete Funakoshi das erste Dojo an der Keio-Universität. Karate kam nach Japan.

Funakoshis Schüler lehnten sich später gegen ihn auf, da er fast ausschließlich Kata üben ließ, während sie den Zweikampf suchen wollten. Sie gründeten die JKA (Japan Karate Association), deren Ziel es war, Karate über den rein sportlichen Wettkampf weltweit zu verbreiten, was ihnen mit großem Erfolg gelungen ist. Einige finden zwar, dass der Sport eine Degeneration des eigentlichen Karate bedeutet, doch wenn man ehrlich ist, muss man dankbar sein, sonst hätten wir sicherlich heute nicht so viele Möglichkeiten zu üben.

In dieser Zeit wurde das Üben nur einzelner Techniken und Kombinationen (Kihon) eingeführt, sowie Partnerübungen für Anfänger (Kihon-Kumite) und für Fortgeschrittene (Kiyu-Kumite), ein Zweikampf, aus dem die besonders gefährlichen Techniken eliminiert wurden und auf das Verletzen des Partners verzichtet wird. Daneben ist das Randori eine Partnerform, in der unter besonderer Vorsicht alle Techniken erlaubt sind. Es entstand der Wettkampf mit den Vergleichskämpfen im Kumite und als Formenwettstreit in der Kata.

Wir sind heute also in der glücklichen Lage, dass Karate ein weites Feld der Betätigung abdeckt, in dem sich jeder heraussuchen kann, was er für sich möchte. Eine Wertung hierbei ist in keiner Weise angebracht. Der Kämpfer hat seine Berechtigung, der Meditierende genauso wie derjenige, der allein die Bewegung zur Gesunderhaltung oder nur aus der Freude heraus sucht.

Die Leere ist nicht angreifbar, und aus dem Nichts kann man nicht angreifen.
Terrence Webster-Doyle


Folgende Tabelle soll die verschiedenen Möglichkeiten, Karate zu üben, verdeutlichen:

Karate-JutsuKarate (Sport)Karate-Do
Teil des Bujutsu:
Technik, das Schwert zu stoppen (des anderen)
Breitensport / LeistungssportTeil des Budo:
Der Weg, das Schwert zu stoppen (das eigene)
Kihon
  • Stärkung von Kraft, Ausdauer, Geschwindigkeit

  • Übung selbstverteidigungs-relevanter Bewegungsabläufe
  • Stärkung von Kraft, Ausdauer, Geschwindigkeit

  • Übung von Techniken, die nicht in der Kata vorkommen

  • Übungserleichterung für Kata
  • Einfache Bewegungsmuster verdeutlichen das Grundprinzip: Bewusstheit-Verstehen-Veränderung auf physischer Ebene
Kata
  • Methodik in früherer Zeit, Kampfsysteme verschlüsselt weiterzugeben
  • Präsentation in der Prüfung

  • Präsentation im Wettkampf
  • Zentrum der Übung ist die Auseinandersetzung mit sich selbst durch Erweiterung des Grundprinzips auf die psychische Ebene

  • Schnittstelle für den Übergang der Übung in den Alltag
Bunkai
  • Kata-Anwendung ursprünglich gegen bewaffnete Gegner

  • Übung zur Nutzung der Vitalpunkte
  • Katasequenz in Anwendung zu Demonstrationszwecken
  • Kata-Anwendung entsprechend der Elemente Erde, Wasser, Feuer, Luft, um die Handlungsmöglichkeiten auf der Konfliktebene bewusst zu ergänzen und zu transformieren
Kumite---
  • Präsentation in der Prüfung

  • Präsentation im Wettkampf
  • Bewußte Wahrnehmung der inneren Haltung in Bezug auf Emotionen (z.B. Angst, Wut) und den Willen (z.B. Durchsetzungsvermögen)
Selbst-
verteidi-
gung
  • Anpassung der Techniken an verschiedene, aktuelle Bedürfnisse
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